Anwendung und Wirkweise von Entspannungsmethoden in der systemisch psychosozialen Beratung

In der psychosozialen Beratung stoßen wir doch immer wieder auf Klient:innen, deren kognitiver Zugang durch Stress, Grübeln oder »Gedankenkreisen« gedrosselt ist. In Form von gezielten Interventionen könnten hier Entspannungsmethoden als Wohlfühlelement hilfreich wirken, um den Wechsel vom belastenden »Modus des Tuns« in einen offenen »Seins-Modus« zu ermöglichen.

Im Zuge meiner Ausbildungen, unter anderem in hypnosystemischer Kommunikation und der Lebens- und Sozialberatung, waren mannigfaltigste Entspannungsmethoden wesentlicher Bestandteil dieser. Während des Erlernens und der ersten Praxiseinheiten von entspannungsfördernden Interventionen ergaben sich mehrheitlich entsprechend positive Rückmeldungen durch Kolleg:innen wie auch von Klient:innen. Dennoch stellte sich für mich die Frage, inwieweit genau diese oder spezielle Formen von Interventionen tatsächlich zur Entlastung bei Klient:innen führen und ob dieses Anwendungsfeld bereits wissenschaftlich fundiert erforscht wurde bzw. weiter untersucht werden sollte. Basierend auf meine Berufserfahrung als psychosozialer Berater und Psychotherapeut wurde untersucht, welche Methoden bereits in der systemisch-soziodynamisch orientierten Beratung Anwendung finden und welche Wirkungsweisen sich für Klient:innen daraus ergeben.

Entspannungsmodelle

Bekannte und verbreitete Entspannungsmodelle und Achtsamkeitsübungen wie der »Body Scan« oder systemische sowie hypnosystemische entspannungsfördernde Interventionsformen sind bereits seit vielen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Analysen und finden ebenso Anwendung in der psychosozialen Beratung. Das Repertoire für Lebens- und Sozialberater:innen umfasst verschiedenste Ansätze, die Körper und Geist gleichermaßen adressieren.

Hier einige meiner untersuchten Methoden als Beispiele:

  • Atem-Techniken – »Die Kraft des Sauerstoffs«
    Die Atmung ist das unmittelbarste Werkzeug zur Selbstregulation. Gezielte Nasenatmung tief in die gesamte Lunge in Richtung Zwerchfell bringt mehr Sauerstoff ins Gehirn und somit auch Hirnschwingungen in Einklang. Dies hilft, emotionale Extreme (Über- oder Unterspannung) auszugleichen. Das bewusste längere und betonte Ausatmen durch den Mund unterstützt das »Sich-loslassen« und bildet die Basis für tiefere Entspannung.
  • Systemische Fragetechniken – »Jede Frage ist bereits eine Intervention«
    Sogar zirkuläre Fragen können entspannungsfördernd wirken. Durch den Perspektivwechsel werden Klient:innen »eingeladen« in einen gelösten Zustand zu gleiten, aus dem heraus sich neue, innere wie bildhafte Lösungen entwickeln können.
  • Body Scan – »Achtsamkeit im Hier & Jetzt«
    Die Einbindung von Achtsamkeitsmethoden wie den »Body Scan« erscheint erfahrungsgemäß als sehr sinnvoll. Vergleichbar mit anderen Achtsamkeitsübungen ist das Ziel beim »Body Scan« sich auch in eine natürlich offene Haltung im »Hier & Jetzt« zu verorten, um eine Aufmerksamkeit zu fokussieren, die darüber hinaus die Lebendigkeit des eigenen Körpers wahrnimmt und dadurch lösungsorientiert begünstigt.
  • »Hypnosystemische« Interventionen
    Hierbei wird die Aufmerksamkeit so fokussiert, dass körperlich wohltuend entspannende Phänomene und z.T. auch bildhaft förderliche Abläufe entstehen. Besonders wertvoll ist, dass Entspannungstrancen dabei helfen, begrenzte Denkvorgänge des Alltags achtsam beiseite zu schieben, um ressourcenaktivierende Räume der »inneren Weisheit« zu schaffen. Durch ein Zusammenspiel von bewussten und unbewussten Abläufen werden durch Klient:innen neue zielführende wie ergebnisorientierte Handlungsmöglichkeiten entdeckt.

Das hypnosystemische Modell:

Achtsamkeit wird auch als eine Form der Aufmerksamkeitsfokussierung verstanden, die auf den aktuellen Moment bezogen, bewusst und nicht-wertend ist. Den vorhandenen Bewusstseinsinhalten wie Gedanken, Körperempfindungen und anderen Wahrnehmungen wird dabei gezielte Aufmerksamkeit geschenkt. Das hypnosystemische Modell verbindet als kompetenzaktivierender Ansatz systemisch-konstruktivistische Abläufe mit Konzepten der Erickson’schen Hypnotherapie. Es bezieht ressourcenaktivierende Aspekte aus dem der Körpertherapie, der Energiepsychologie sowie der Embodimentforschung mit ein.

Für die Lebens- und Sozialberatung zu beachten:

Zum Thema »Hypnose« gibt es klare Positionspapiere wie die des Gesundheitsministeriums. »Hypnose« ist grundsätzlich unter den Ärzte- u. Psychotherapeut-Vorbehalt fallend anzusehen, wenngleich es auch innerhalb des Begriffes Abstufungen gibt.

Lebens- und Sozialberatung: Es dürfen keine irreführenden Angebote gemachen werden! Zur Rechtssicherheit wird daher sehr deutlich empfohlen, den Begriff der »Hypnose« zu Vermeidung, um falsche Erwartungen der Klient:innen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Psychosoziale Beratung arbeitet ausschließlich mit den „gesunden Anteilen“ der Menschen, also mit der Eigenverantwortung zugänglichen Klient:innen. Tranceähnliche Aktivierungen können in die bewusste Eigenverantwortung der Klient:innen eingebaut werden. Für die Psychosoziale Beratung wäre der Begriff der »hypnosystemischen Interventionen« als Terminus empfehlenswert und sehr präzise zu verwenden, wenn wir möglicherweise eine Aktivierung unterbewusster Zugänge anstreben.

(Quelle: Mail Februar 2025, Mag. Hans-Jürgen Gaugl, MSc., Berufszweigsprecher LSB in der WKNO).

Die Anwendung aller o. a. Techniken verfolgt klare wie auch realistische systemische Ziele. Sie steigern die Konzentration auf das »Hier und Jetzt« – dem einzigen »Entscheidungs- und Gestaltungszeitraum« – und machen den Reichtum des Augenblicks bewusst. Im Mehrpersonensetting können sie zudem eine wechselseitige Fokussierung bewirken, die wie eine gemeinsame »Einladung« zur Entspannung wirkt. Durch die Einbeziehung körperlich unwillkürlicher Prozesse werden auch unbewusste Kompetenzen der Klient:innen aktiviert, was das gezielte Lösen dysfunktionaler Prozesse wie Grübeln unterstützen kann, und es findet möglicherweise ein Wechsel vom »Modus des Tuns« zum erfahrungsbezogenen und offenen »Seins-Modus« statt.

Fazit der Untersuchung:

Das Forschungsprojekt untersuchte mittels qualitativer Experteninterviews den Einsatz und die Wirkungsweisen von Entspannungsmethoden in der psychosozialen Arbeit. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, dass verschiedene Interventionsformen zur Entspannung in der systemischen Beratung weit mehr als eine Randerscheinung sind, da diese bereits bewusst wie auch intuitiv aktiv in ihrer Gesprächsführung angewandt werden. Eine gründliche Ausbildung zur Anwendung von Entspannungsmethoden fördert verantwortungsvoll ein lösungsorientiertes Wohlgefühl bei Klient:innen. In diesem Sinne bieten Entspannungsmethoden einen einfachen, aber tief wirksamen Zugang zu den Ressourcen unserer Klient:innen.

Die Ergebnisse legen auch nahe, dass die gezielte Vermittlung von Entspannungstechniken weiterhin wie auch vermehrt ein fester und wertvoller Bestandteil der Ausbildungscurricula die Lebens- und Sozialberatung sein sollten, um die Effektivität der Beratung nachhaltig zu steigern. Möglicherweise sind neben bekannten Anforderungen in der psychosozialen Beratung, wie ausreichend Zeit für Klient:innen – also mehr als nur »ein offenes Ohr« – Achtsamkeit, Empathie, Wertschätzung und die volle Annahme von Klient:innen ebenso Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich unverzichtbar.

„Man sollte alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“

– Albert Einstein

„Allow yourself to see what you don’t allow yourself to see.“

– Milton H. Erickson

 „Entdecke Deine Fähigkeiten und Kompetenzen, nimm sie wahr,
denn Du bist viel mehr als Du denkst.“  

– Peter Schweighofer

 
Über den Autor

Mag. pth. Peter Schweighofer, BA, MSc, ist Psychotherapeut (Systemische Familientherapie), Hypno-systemischer Berater und Therapeut, staatlich geprüfter Psychosozialer Berater, Supervisor (WKO Expertenpool) und Business-Coach. In den Praxen in Wien und Mödling verbindet er Psychotherapie und Psychosoziale Beratung mit ganzheitlichen wie naturbezogenen Herangehensweisen und Behandlungsmethoden. Schweighofer arbeitet im Einzelsetting wie auch mit Paaren und Familien. www.psychotherapie-schweighofer.at

 www.psychotherapie-schweighofer.at

Literaturverzeichnis

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